DLG e.V. - Die Zukunft der Ernährung liegt in der Personalisierung

Die Zukunft der Ernährung liegt in der Personalisierung

Individuelle Optimierungskonzepte

aus: DLG-Lebensmittel 2/2019, S. 28ff.

Während die Politik noch über Lebensmittelampeln diskutiert, bahnt sich ein Konzept den Weg, das die etablierten Ernährungsempfehlungen obsolet machen könnte: die Personalisierte Ernährung. Die Wissenschaft weiß heute, wie individuell unser Stoffwechsel Nahrung verarbeitet. Doch noch setzt die Industrie dieses Wissen nur zögerlich um: ein Überblick.

© Fotolia, Yaruniv-Studio

Gesunde Ernährung war noch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts kein „weltbewegendes“ Thema. Mit dem stetig wachsenden Wohlstand in den Industrieländern und der damit verbundenen steigenden Kalorienzufuhr zeigten sich allerdings auch die Schattenseiten des Überflusses wie beispielsweise ernährungsmitbedingte Krankheiten. Immer mehr Verbraucher wissen heute, dass die Ernährung die Gesundheit ganz unmittelbar beeinflusst, und suchen nach Optimierungskonzepten.

Menschen sind verschieden, ihr Speiseplan auch

Gesunde Ernährung für einen gesunden Körper: Mit diesem Ziel landeten jedes Jahrzehnt neue Ernährungskonzepte auf dem Tisch der Verbraucher. Michael Gusko, Magaging Director GoodMills Innovation: „Waren in den 70er Jahren Rohkost und Vollkorn noch hochaktuell, rückte bald das Cholesterin in den Mittelpunkt des Interesses. Seit einigen Jahren stehen Low-Carb und Low-GI-Diäten hoch im Kurs; weitere aktuelle Trends sind Superfoods, Veganismus oder Paleo, selbst wenn deren gesundheitliche Vorteile teilweise höchst umstritten sind“. Auch der Konsum von „free from“-Produkten boomt: Alternative Lebensmittel für Menschen mit Allergien und Intoleranzen haben längst ihr Nischendasein verlassen und sind Mainstream geworden – auch für jene Verbraucher, die gar nicht unter Lebensmittelunverträglichkeiten leiden.

Feste Säulen in diesem unübersichtlichen Markt sind die Empfehlungen offizieller Organe wie unter anderem die der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Doch auch diese Säulen wackeln. „Es überrascht nicht, dass Verbraucher den Eindruck haben, dass sich Ernährungsrichtlinien des Öfteren um 180-Grad drehen. So gelten heutzutage Eier als wichtige Lieferanten von Protein und anderen Nährstoffen, während sie noch vor 20 Jahren von Ernährungswissenschaftlern fast verbannt wurden. Heute durchforsten Menschen das Internet und stellen ihren eigenen, ganz individuellen Ernährungsplan zusammen, weil sie feststellen, welche Lebensmittel ihnen guttun,“ so Gusko.

Das Mikrobiom: (fast) so indi­viduell wie ein Fingerabdruck

Angetrieben wird das Konzept der Personalisierten Ernährung vor allem durch die Wissenschaft. Inzwischen setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass hauptsächlich das Mikrobiom des Darms verantwortlich dafür ist, dass Menschen die gleichen Nährstoffe unterschiedlich verstoffwechseln. Die Zahl der Studien zum Mikrobiom stieg von nur zwei im Jahr 2002 auf mehr als 2.000 im Jahr 2017.

Zuerst ging die Forschung davon aus, dass die Gene und insbesondere die sogenannten Polymorphismen, also die Abweichungen in der menschlichen DNA, dafür verantwortlich sind, dass unsere Stoffwechselprozesse so individuell sind. Nun aber liegt der Fokus auf den Darmbakterien. Professor Christian Sina, Ernährungsmediziner an der Universität zu Lübeck, bestätigt, dass Gene allein nur begrenzte Informationen über das individuelle Stoffwechselverhalten liefern. Der Schlüssel unseres Stoffwechselverhaltens liege im Darmmikrobiom. In seiner Forschungsarbeit analysierte Sina die Mikroflora der Probanden, um so vorherzusagen, wie diese auf bestimmte Nahrungsmittel reagieren und sie verstoffwechseln.

Food4Me, ein EU-finanziertes, gemeinsames Forschungsprojekt verschiedener europäischer Universitäten, befasst sich seit 2011 mit dem Thema Personalisierte Ernährung. Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen untersuchen, wie die Verbraucher dem Konzept gegenüberstehen und wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt werden können.

Ein möglicher Ansatz besteht darin, auf der Grundlage des Darmmikrobioms verschiedene Stoffwechseltypen zu definieren. Mithilfe von Stuhl- und Bluttests sowie einer Langzeit-Blutzuckerkontrolle hat Professor Sina ein sogenanntes Nutritypen-Modell entwickelt. Dabei geht man von mindestens drei unterschiedlichen Stoffwechseltypen aus, die unter anderem aufgrund eines ähnlichen Darmmikrobioms Nahrung ähnlich verstoffwechseln.

Ein Beispiel: Personen mit dem fiktiven Nutrityp A weisen einen besonders starken Anstieg der Blutglukose unter Vollkornbrot auf, während ihre Blutzuckerreaktion nach dem Genuss von Haferflocken nur moderat ausfällt. Bei einem fiktiven Nutrityp B würde es sich genau umgekehrt verhalten. Michael Gusko ist davon überzeugt: „Mit dem Nutritypen-Modell und dem nötigen Pioniergeist könnte die Lebensmittelindustrie die Personalisierte Ernährung schnell und effizient in ihre Anwendungen integrieren und ihren Kunden entsprechende Lösungen anbieten.“

Von der Vision zum fertigen Produkt

Als junger Markt hat die Personalisierte Ernährung enormes Potenzial. Das Ziel ist klar definiert: Die Analyse von Biomarkern, Genom und Mikrobiom liefern messbare Richtwerte für eine individuelle gesunde Ernährung, um Wohlstandskrankheiten vorzubeugen. „Wie sich die Industrie diesen Markt am besten erschließt, ist leider noch unklar. Sicher ist jedoch, dass wir als Lebensmittelindustrie umdenken müssen – fort von kostengünstigen Produkten für einen Massenmarkt“, meint Gusko. Diverse Start-ups haben dank innovativer Lösungen bereits in verschiedenen Marktsegmenten Fuß gefasst: Ihr Portfolio reicht von Fitness-Trackern und Wellness-Apps mit maßgeschneiderten Ernährungsempfehlungen, die auf Körpergröße, Gewicht und Fitness basieren, bis hin zu Anbietern von Gen­analyse-Tools wie DNAfit und Mikrobiom-Analysen wie DayTwo aus Israel oder MillionFriends aus Deutschland.

Auch die Big Player sehen in der Personalisierten Ernährung einen Markt der Zukunft. So hat die Campbell‘s Soup Company mit einer Investition von 32 Millionen Dollar in das Start-up Unternehmen Habit einen Claim in diesem Markt abgesteckt, während Nestlé, der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern, unter Peter Brabeck-Letmathe 2011 Nestlé Health Science gründete. Basierend auf aktuellen Erkenntnissen der Nutrigenomik und Mikrobiomforschung soll Nestlé Health Science individuelle Ernährungsstrategien gegen ernährungsmitbedingte Krankheiten entwickeln. Brabeck-Letmathe, der bis April 2017 Nestlé-Präsident war, ist einer der weltweit engagiertesten Verfechter der Personalisierten Ernährung. „Das Thema Gesundheit wird in den kommenden Jahrzehnten eine Innovationswelle in der Nahrungsmittelindustrie auslösen. Sie wird mit ihrer Spitzentechnologie eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen spielen,”* schreibt er in seinem Buch „Ernährung für ein besseres Leben“.

„Vielleicht sind es am Ende doch die großen Konzerne, die das nötige Kapital besitzen, um in personalisierte Ernährungskonzepte zu investieren. Doch gerade die Ideenschmieden der Startups bieten wertvolle Inspiration für die gesamte Lebensmittelindustrie.“

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