Nulltoleranzregelung bedroht die europäische Veredelungsbranche und verhindert Wahlfreiheit des Verbrauchers Ergebnisse der DLG-Klausurtagung „GVO und Futtermittel“ am 27./28. August 2008 in Kassel

Am 27. und 28. August hat die DLG in Kassel unter Beteiligung von Vertretern der Futter-, Land-, Milch- und Fleischwirtschaft sowie der Verbraucher und Behörden und der Wissenschaft die Perspektiven der deutschen und europäischen Veredelungswirtschaft bei der Versorgung mit Futterprotein im Zusammenhang mit der Genehmigungspraxis von GVO-Konstrukten erörtert. Aus dieser Diskussion zieht die DLG folgende Bewertungen:

Die derzeit in der EU angewendete Nulltoleranz für gentechnisch veränderte Soja-Sorten ohne EU-Zulassung verhindert zunehmend auch den Import von zugelassenen Sojafuttermitteln. Damit wird der EU-Veredelungsbranche ein unentbehrlicher Anteil ihrer Futtergrundlage entzogen. Hohe Kostensteigerungen, Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Abwanderung großer Teile der Schweine- und Geflügelfleischproduktion und schließlich verstärkter Import von Fleisch aus dem Nicht-EU-Raum sind zu befürchten.

Die Nulltoleranz ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu begründen und für ein hohes Niveau an gesundheitlichem Verbraucherschutz unnötig. Dagegen führt sie zu einer drastischen Erhöhung der wirtschaftlichen Risiken und Kosten der Marktbeteiligten.

Die EU-Kommission sollte an Stelle der Nulltoleranz fachlich abgeleitete und praktikable Schwellenwerte setzen. Nur Schwellenwerte können die Wahlfreiheit zwischen kennzeichnungspflichtigen und nicht kennzeichnungspflichtigen pflanzlichen Rohstoffen ermöglichen. Ferner müssen die Analysen- und Probenahmeverfahren im Rahmen der nationalen und internationalen Kontrollen auf der Basis einer guten fachlichen Praxis vereinheitlicht werden. Eine weitere Entschärfung der Situation ließe sich durch eine in der EU beschleunigte Zulassung von als sicher bewerteten GVO-Konstrukten erreichen.

Entwicklung des Anbaus und der Warenströme von GVO-Pflanzen als Futtermittelressourcen
Der Anteil an GVO-Pflanzen beträgt weltweit ca. 115 Mio. ha. Das entspricht ca. 7 % der Welt-Ackerfläche. Er wächst jährlich um mehr als 10 Mio. ha. Die USA, Brasilien und Argentinien sind die Hauptexporteure von Sojabohnen. Dort nehmen GVO-Sorten bei Sojabohnen bereits zwischen 57% (Brasilien) und 98% (USA) der jeweiligen Anbauflächen ein. Der Anbau von neuen GVO-Sorten der 2. Generation mit verbesserten Qualitäts- und Resistenzeigenschaften sowie höheren Erträgen wird in den USA bereits realisiert, in Argentinien und Brasilien wird der Anbau vorbereitet. Diese Sorten haben in der EU aufgrund der langwierigen Genehmigungspraxis überwiegend noch keine Zulassung.

Allein bei Sojabohnen stehen derzeit 24 GVO-Konstrukte in Genehmigungsverfahren. Die Wahrscheinlichkeit einer unbeabsichtigten Kontamination mit in der EU noch nicht zugelassenen Sorten steigt parallel mit deren Anbaufläche. Der Aufwand für die Einhaltung der gegenwärtigen Schwellenwerte von 0,0 für nicht genehmigte bzw. 0,9 Prozent für genehmigte GVO-Konstrukte nimmt exponentiell zu.

Die EU verbraucht derzeit jährlich 57 Mio. Tonnen Proteinfuttermittel von denen 78% importiert werden müssen. Die Bedeutung (Marktmacht) der EU als bislang wichtigster Importeur von Sojabohnen aus Südamerika ist in den letzten Jahren deutlich zugunsten von China zurückgegangen. Diese schrumpfende Marktmacht kann voraussichtlich nicht für eine Verringerung des Anbaus von GVO-Sojabohnen in den Exportländern mobilisiert werden.

Zulassung von pflanzlichen Rohstoffen mit GVO-Konstrukten
Derzeit dauert die Zulassung einer GVO-Sorte zwischen 2 und 12 Jahre. Das vielschichtige Entscheidungsverfahren (EFSA – EU-Kommission – EU-Rat) ist kompliziert und dauert lange. Die Entscheidungsprozesse sollten verkürzt, die Kompetenz der EFSA und der EU-Kommission sollten gestärkt werden.

Die bisherigen Bestrebungen, im internationalen Raum auf einheitliche Verfahren und Anforderungen bei der Erteilung von Genehmigungen hinzuarbeiten (Codex Alimentarius, OECD, Cartagena Protokoll), sollten intensiv weitergeführt, politisch unterstützt und im Ergebnis in bestehende Genehmigungsverfahren integriert werden. Die derzeit ungenügende internationale Synchronisierung behindert die Warenströme und Nutzung des technischen Fortschrittes und hat erhebliche negative Auswirkungen auf die Volkswirtschaften.

Konsequenzen der Nulltoleranzregelung für die Versorgung mit Proteinfuttermitteln
Die Generaldirektion Landwirtschaft der EU-Kommission hat bereits im Frühjahr 2007 in einer Studie die wirtschaftlichen Auswirkungen von 3 verschiedenen Szenarien für die Jahre 2009 und 2010 berechnet. Die Szenarien gehen davon aus, dass aufgrund der Kontaminationsgefahr mit in der EU nicht zugelassenen GVO-Konstrukten verschiedene Herkunftsländer als Exporteure ausfallen: Szenario 1: USA, Szenario 2: USA und Argentinien, Szenario 3: USA, Argentinien und Brasilien.
Dass die Szenarien einen durchaus realistischen Bezug haben, zeigt der Fall der GVO-Maissorte Herculex im Sommer 2007. Nach einer Berechnung des Deutschen Verbandes für Tiernahrung (DVT), hat der beginnende Anbau dieser Sorte in den USA wegen Kontaminationsrisiken den Import von Maiskleberfutter in die EU nahezu komplett unterbunden. Dies führte zu einem wirtschaftlichen Schaden von ca. 1,5 Mrd. Euro.

Die Bedeutung von Sojaimporten für die europäische und deutsche Veredelungsindustrie ist ungleich größer. Die deutsche Einfuhr an Sojabohnen und Sojaextraktionsschrot/-kuchen betrug 2007 ca. 6,8 Mio. Tonnen. Dies entspricht ca. 2,8 Mio. Tonnen Protein. Ein Ersatz dieser Menge durch heimische Substitute (Körnerleguminosen, Rapsschrot, Trockenschlempe) oder andere importierte Proteinfuttermittel (Sonnenblumenschrot, Baumwollextraktionsschrot, Maiskleberfutter) dürfte nur zu 10-20 % der Gesamtmenge des gegenwärtig importierten Sojaproteins realisierbar sein. Eine Wiederzulassung der Verfütterung von Speiseresten und Fleischknochenmehl (Kategorie 3-Material) könnte die Versorgungslücke höchstens um weitere 10 % verringern und somit ebenfalls nicht schließen. Ohne den Import von Sojabohnen bzw. Sojaschrot kann die Produktion von Lebensmitteln tierischer Herkunft weder mengenmäßig noch preislich auf dem heutigen Niveau gehalten werden. Zu berücksichtigen ist ferner, dass alle pflanzlichen Substitute für Sojaschrot einen schlechteren Futterwert aufweisen.

Die Preisdifferenz zwischen Sojaschrot mit und Sojaschrot ohne GVO beträgt derzeit ca. 40 € pro Tonne bzw. ca. 15 %. Der Anteil an GVO-freiem Sojaschrot an der gesamten importierten Menge wird auf ca. 10 Prozent geschätzt. Eine Ausdehnung auf die Gesamtmenge würde – sofern diese im Markt verfügbar wäre - bei gleichbleibender Preisdifferenz zusätzliche jährliche Kosten von ca. 250 Mio. € verursachen. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass sich die Preisdifferenz bei steigender Nachfrage und Verknappung des Angebotes um ein Mehrfaches erhöht. Hinzu kommen steigende Logistik-, Untersuchungs- und Zertifizierungskosten.

Schon der Wegfall des Marktzuganges für Sojabohnen aus den USA würde nach den Erfahrungen mit Maiskleberfutter die Mischfutterpreise um ca. 8% anheben. Die zu erwartenden Auswirkungen stärkerer Verknappungen durch den zusätzlichen Wegfall des Marktzuganges von Argentinien (Szenario 2) beziffert die EU-Studie mit einem Anstieg der Futterkosten um 23 %. Falls auch Brasilien als Herkunftsland ausfällt (Szenario 3) würde das entstehende Importdefizit von 32,3 Mio. t zu einer noch weitaus drastischeren Verteuerung führen.

Konsequenzen für die Milch- und Rindfleischproduktion und die Veredelung (Schweine- und Geflügelproduktion)
Da Wiederkäuer geringere Ansprüche an die Verdaulichkeit und Proteinqualität der Futtermittel stellen, ist Sojaschrot prinzipiell in der Ration durch alternative Proteinfuttermittel ersetzbar. Allerdings dürfte der mengenmäßige Austausch von ca. 1,5 Mio. Tonnen Sojaschrot die Futterkosten erhöhen und damit die internationale Wettbewerbskraft schwächen. Die Folge ist ein Rückgang der Netto-Erzeugung an Rindfleisch und eine Zunahme des Importes.

In der Schweinefütterung kann bei Beibehaltung hoher Leistungen nur ein Teil des Sojaschrotes durch alternative Proteinfuttermittel ersetzt werden. Knappheiten und Preissteigerungen bei Sojaschrot würden sich somit erheblich auf die Futterkosten, die Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit auswirken. Der Studie der Generaldirektion Landwirtschaft der EU-Kommission zufolge ist je nach Höhe des unterstellten Versorgungsdefizits mit einer deutlichen Abwanderung der Produktion ins Nicht-EU-Ausland und einem Rückgang der Netto-Erzeugung um bis zu 35% zu rechnen.

In der Geflügelfütterung kann bei Beibehaltung hoher Leistungen ebenfalls nur ein Teil des Sojaschrotes durch alternative Proteinfuttermittel ersetzt werden. Sowohl in der Hähnchen- und Putenmast als auch in der Legehennenhaltung wird bei hohen Leistungen Sojaschrot benötigt. Knappheiten und Preissteigerungen bei Sojaschrot würden sich ebenfalls erheblich auf die Futterkosten, die Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit auswirken. Die Studie weist je nach Höhe des unterstellten Versorgungsdefizits einen Rückgang in der Netto-Erzeugung um bis zu 44% aus.

Konsequenzen für den Lebensmitteleinzelhandel
Nulltoleranz und schleppende Genehmigungspraxis könnten zu einem deutlich geringeren Angebot an tierischen Erzeugnissen und deutlich höheren Einstandspreisen führen. Zwar fordern GVO-kritische Verbraucherorganisationen und NGOs vom Lebensmitteleinzelhandel, Ware „ohne Gentechnik“ zu kennzeichnen und anzubieten, doch bisher nimmt der Handel die Möglichkeit, Produkte mit dem Zusatz „ohne Gentechnik“ anzubieten, kaum in Anspruch. Dafür werden u.a. folgende Gründe angeführt:

 

  • Rechtsunsicherheit bezüglich der Auslobung von Produkten mit dem Zusatz „ohne Gentechnik“ und erhebliche Herausforderungen in der Kommunikation mit ungewissem Ausgang
  • Keine Möglichkeit, die Aussage am Endprodukt per Untersuchung kontrollieren zu können
  • Es können keine Lebensmittelzusatzstoffe und Verarbeitungshilfsstoffe mehr eingesetzt werden, die mit Hilfe der Gentechnik hergestellt wurden (Erlaubnisvorbehalt)
  • Unsicherheit darüber, ob dauerhaft genügend Ware zu beschaffen ist
  • Hohe Logistikkosten für ein drittes Sortimentes neben „konventionell“ und „bio“
    Langfristig werden auch GVO-Produkte als funktionelle Lebensmittel mit einem nachvollziehbaren Nutzen für Verbraucher erwartet, was zu einer positiven Einstellung führen kann. Der Aufwand für ein drittes Segment wäre dann möglicherweise vergebens gewesen.

Konsequenzen für den Verbraucher
Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Verbraucher in GVO-Produkten derzeit keinen Nutzen erkennt. Sie lehnen gentechnisch veränderte Lebensmittel mehrheitlich ab. Maßgeblich dafür sind neben sachlichen Nutzen-/Risiken-Abwägungen auch emotionale, psychologische oder ethische Gründe. Der Verbraucher hat keine Wahlfreiheit, deshalb fehlen bislang belastbare Erkenntnisse darüber wie Verbraucher sich verhalten würden, wenn ihnen GVO-Produkte zu deutlich niedrigeren Preisen oder mit neuen Qualitätsmerkmalen angeboten würden. Eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem Ergebnis von Umfragen und dem tatsächlichen Kaufverhalten darf wie in anderen Fällen (Bioprodukte, Fair Trade Produkte) angenommen werden.

Es ist davon auszugehen, dass tierische Erzeugnisse, die ohne GVO hergestellt werden, wenn sie gesondert gekennzeichnet angeboten werden, preislich zwischen konventioneller und Bioware liegen werden. Die Zahlungsbereitschaft des Verbrauchers für Produkte eines dritten Lebensmittelsortimentes („ohne Gentechnik“) ist derzeit noch unbekannt, wird aber von Marktexperten als eher gering eingeschätzt. Allerdings würde eine Verknappung von Proteinfuttermitteln die Futterkosten generell, und damit auch die Verbraucherpreise von tierischen Erzeugnissen aus allen drei Kategorien „konventionell“, „bio“, „ohne Gentechnik“, erheblich ansteigen lassen.

Der Verbraucher würde im Fleischbereich mit deutlich mehr Importen versorgt, deren Erzeugung nicht nach EU-Standards erfolgt, wodurch eher weniger gesundheitlicher Verbraucherschutz und schon gar nicht GVO-Freiheit gewährleistet wäre. Das strikte Einfordern von tierischen Erzeugnissen ohne GVO könnte sich daher als schlechter Dienst für den Verbraucher erweisen.

Risikobewertung
Aufgrund der bisher durchgeführten tierexperimentellen Studien zur Aufnahme von Futtermitteln aus gentechnisch veränderten Nutzpflanzen der 1. Generation ergeben sich weder Hinweise auf qualitative Futterwertminderungen, Veränderungen tierischer Leistungen oder Beeinträchtigungen der Tiergesundheit. Die Qualität der tierischen Erzeugnisse ist ebenfalls nicht beeinträchtigt. Es gibt keine Hinweise, dass sich mit dem Futter aufgenommene transgene DNA im tierischen Organismus anders verhält, als DNA aus konventionellen Pflanzen, die für den menschlichen Organismus ebenfalls „Fremd-DNA“ bedeutet.

Gentechnisch modifizierte zugelassene Lebensmittel sind genau so sicher wie die entsprechenden konventionellen Erzeugnisse. Zu diesem Ergebnis kommen übereinstimmend die umfassenden wissenschaftlichen Studien der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) der EU-Kommission. Letztere Studie („Scientific and technical contribution to the development of an overall health strategy in area of GMOs“) ist auf Initiative von Gentechnikkritikern im Auftrag des Europäischen Parlamentes erst kürzlich erstellt worden. Auch Allergien oder hormonelle Wirkungen sind keine besonderen gentechnischen Risiken. In der öffentlichen Wahrnehmung werden potenziell mögliche Risiken der Gentechnik in der Agrar-und Lebensmittelproduktion überbewertet.

Obwohl der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen inzwischen mehrere Kulturarten betrifft, große Anbauanteile auf mehreren Kontinenten einnimmt, seit mehr als 10 Jahren stattfindet und die daraus erzeugten Rohstoffe direkt oder in verarbeiteter Form von Millionen von Verbrauchern konsumiert worden sind, ist bisher weltweit kein einziger Fall dokumentiert, in dem sich Beeinträchtigungen der Gesundheit auf eine eventuelle Toxizität von zugelassenen gentechnisch veränderten Pflanzen hätte zurückführen lassen.

Dennoch sollte die Beobachtung und Bewertung von durch gentechnische Veränderungen hervorgerufenen regulatorischen Veränderungen sowie möglichen Wechselwirkungen und Langzeiteffekten  weiter entwickelt und ausgebaut werden. Bereits laufende Zulassungsverfahren sollten dadurch jedoch ohne begründeten und konkreten Anlass zur Besorgnis nicht verzögert werden.

Kontakt

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Für die Teilnehmer der Klausurtagung stehen die Tagungsunterlagen hier zur Verfügung.